Gestern, unter meinem letzten Post, ein Kommentar: Wann diese KI-Firmen endlich profitabel würden? Es werde so viel Geld verbrannt, man hätte mehrfach den Welthunger bekämpfen können. Fazit in drei Worten: Es ist eine Blase.

Sauber serviert. Zahlen, Empörung, ein moralisches Ausrufezeichen obendrauf.

Und trotzdem ging es kein bisschen um Bilanzen.

Denn „Blase" ist das erwachsene, seriös klingende Wort für einen viel älteren Satz:

Bitte lass das nicht echt sein.


Jede Umwälzung bekommt denselben Reflex serviert:

„Das Internet ist eine Modeerscheinung." „Smartphones sind Spielzeug für Erwachsene." „Remote Work funktioniert in der Praxis nie."

Wir nennen es Analyse. Meistens ist es Abwehr in einem besseren Anzug.


Was wirklich unter so einem Kommentar liegt, steht fast nie im Kommentar. Es ist die Frage, die sich kaum jemand laut zu stellen traut:

Was, wenn das, was ich kann, bald weniger wert ist?

Das ist keine Schwäche. Das ist Verlustangst, und Verlustangst ist eines der mächtigsten Gefühle, die wir haben. Die Verhaltensökonomie zeigt seit Jahrzehnten: Wir fürchten den Verlust von etwas ungefähr doppelt so stark, wie wir den gleich grossen Gewinn geniessen.

Wer 15 Jahre lang ein Handwerk perfektioniert hat, hört bei „KI kann das jetzt auch" keine Technologie-News.

Er hört: deine 15 Jahre.


Dazu kommt der zweite Mechanismus: der Ablehnreflex.

Etwas abzulehnen ist schlicht billiger, als sich anzupassen. Ablehnung kostet einen Kommentar und ein bisschen Empörung. Anpassung kostet das Eingeständnis, dass man wieder Anfänger sein könnte, in einem Feld, in dem man gerade noch Experte war.

„Es ist eine Blase" heisst im Kern: Ich muss mich nicht bewegen. Das verschwindet von allein.

Verständlich. Schützt nur vor gar nichts.


Und jetzt wird es teuer.

Denn die Ablehnung bleibt nicht im Kommentarfeld. Sie wandert ins Büro. Da sitzt dann jemand vor dem neuen KI-Tool, dem dieselbe Angst im Nacken sitzt, und tut etwas, das er sich selbst nie eingestehen würde: Er wünscht sich, dass es scheitert.

Also bekommt das Tool die halbherzige Anfrage. Den nutzlosesten Prompt. Die Aufgabe, an der es garantiert zerbricht. Keine Korrektur, kein zweiter Versuch, kein Kontext. Und dann, fast erleichtert:

„Siehste. Das dumme Ding bekommt's nicht hin."

Das ist keine Faulheit. Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung mit Vorsatz. Wer recht behalten will, dass KI nicht funktioniert, hat ein erstaunlich wirksames Werkzeug in der Hand: sich selbst. Man muss ein Tool nicht offen torpedieren. Es reicht, ihm beim Scheitern nicht im Weg zu stehen, und das Ergebnis dann als Beweis hochzuhalten.

Und das kostet. Nicht im übertragenen Sinn, sondern in echtem Geld.

Eine viel zitierte MIT-Studie von 2025 fand, dass rund 95 % der generativen KI-Pilotprojekte in Unternehmen keinen messbaren Ertrag liefern, bei 30 bis 40 Milliarden Dollar an Investitionen. 2025 haben 42 % der Unternehmen die meisten ihrer KI-Initiativen wieder eingestampft.

Die offiziellen Gründe heissen „Integration", „Datenqualität", „Governance". Klingt sauber. Klingt nach Technik.

Aber es gibt eine Variable, die keine dieser Studien sauber misst: Menschen, die innerlich auf das Scheitern wetten, bringen es auch zustande. Ein Tool, das niemand will, das jeder nur halb bedient und über das alle erleichtert die Augen verdrehen, wird zu den 95 %. Nicht weil die Technik versagt, sondern weil sie nie eine faire Chance bekommen hat.

Das Bittere daran: Am Ende stimmt der Satz „hat doch eh nicht funktioniert" sogar. Nur nicht aus dem Grund, den alle glauben.


Jetzt der unbequeme Teil.

Vielleicht ist ein guter Teil davon eine Blase. Vielleicht platzen Bewertungen, vielleicht verbrennen noch Milliarden. Gut möglich.

Aber die Dotcom-Blase ist geplatzt, und das Internet ist trotzdem geblieben und hat ganze Berufsbilder neu gegossen. Die Blase und die Umwälzung sind zwei verschiedene Dinge. Man kann auf das Platzen der einen wetten und von der anderen trotzdem überrollt werden.

Wer „Blase!" ruft, um sich selbst zu beruhigen, wirft beides absichtlich in einen Topf.


Die ehrlichere Reaktion wäre nicht „das ist nur Hype".

Sie wäre: „Das macht mir Angst, und ich weiss noch nicht, was ich damit anfange."

Aber das schreibt niemand in einen LinkedIn-Kommentar.

Also meine Frage an euch:

Wann habt ihr das letzte Mal etwas „Hype" oder „Blase" genannt, und wie viel davon war wirklich Analyse, wie viel war einfach Erleichterung?