Während du diesen Satz liest, hat ein Team in den USA schon ausprobiert, wofür wir in der DACH-Region noch einen Arbeitskreis gründen.
Schau dir an, wo das Geld sitzt
Die wertvollsten Technologieunternehmen der Welt stehen in den USA und in China. Nicht eines davon in der DACH-Region. Das ist kein statistischer Zufall und auch kein Pech. Das ist das Ergebnis einer Haltung.
Die USA sind uns technologisch nicht ein bisschen, sondern dauerhaft meilenweit voraus. Ja, sie machen Abstriche, beim Datenschutz zum Beispiel. Aber dafür preschen sie mit einer Geschwindigkeit vor, die ihresgleichen sucht. Sie bauen erst, lernen unterwegs und korrigieren im Fahren.
Und wir? Wir diskutieren. Gründlich. Bis zum letzten Komma. Während drüben das Produkt schon im Markt ist, sitzt hier noch das vierte Gremium zusammen und prüft, ob man überhaupt anfangen darf.
Das Gefälle multipliziert sich
Das eigentlich Bittere ist nicht der Rückstand selbst, sondern dass er sich aufsummiert.
Erste Stufe: die Cloud. Azure, AWS, Google. Die Rechenzentren, auf denen die halbe europäische Wirtschaft läuft, gehören drei amerikanischen Konzernen. Zweite Stufe, jetzt oben drauf: die KI. Alles Professionelle kommt wieder aus den USA oder aus China. Wir mieten die Infrastruktur, und jetzt mieten wir auch noch die Intelligenz.
Das deutsche Vorzeigeprojekt in dem Feld, Aleph Alpha, hat sich faktisch aus dem Rennen um die grossen Modelle zurückgezogen und konzentriert sich auf Enterprise-Werkzeuge. Das französische Mistral hält tapfer dagegen, kommt an die Spitze aus den USA und China aber schlicht nicht heran.
Reguliert, bevor wir etwas hatten
Europas Antwort heisst EU AI Act. Eine Regulierung von Weltrang, für eine Industrie, die es bei uns kaum gibt.
Vielleicht wäre es klüger gewesen, erst die KI-Unternehmen aufzubauen und sie dann zu regulieren, statt die Leitplanken zu giessen, bevor überhaupt jemand auf die Strasse fährt. Aber sei es drum, das Kind ist in den Brunnen gefallen.
Der Unterschied sitzt im Kopf, nicht im Werkzeug
Am sichtbarsten wird die Lücke im täglichen Umgang. Während in der DACH-Region noch darüber diskutiert wird, ob man KI überhaupt einführen soll und ob die Tokenpreise nicht vielleicht zu teuer sind, machen es die Amerikaner einfach. Sie probieren, scheitern, lernen, skalieren. Und lassen uns wieder als Verlierer zurück, während wir noch das Risiko-Memo schreiben.
Das ist der Punkt, an dem ich ungeduldig werde. Denn das ist die eine Stelle, an der die Ausrede nicht zieht.
Wenn schon kein eigenes Pferd, dann wenigstens reiten
Dass wir keinen eigenen ernstzunehmenden KI-Champion haben, ist bitter, aber kurzfristig nicht zu ändern. Was wir sehr wohl ändern können, ist, ob wir die vorhandenen Werkzeuge nutzen.
Genau hier liegt die Wahl, die jedes Unternehmen in der DACH-Region heute trifft, ob bewusst oder durch Wegschauen. Die Modelle stehen allen offen. Sie kosten einen Bruchteil eines Mitarbeitergehalts. Wer sie nicht nutzt, spart nichts, er fällt nur leiser zurück.
Wir müssen die KI nicht erfunden haben, um mit ihr zu gewinnen. Aber wir müssen sie benutzen. Und dabei hilft kein Bedenkenträger, kein Arbeitskreis und kein weiteres Mimimi.
Der Reframe
Vorsicht ist eine Tugend, solange sie eine Entscheidung vorbereitet. Sie wird zur Ausrede, sobald sie die Entscheidung ersetzt.
Die USA haben uns nicht überholt, weil sie klüger sind. Sie haben uns überholt, weil sie angefangen haben, während wir noch beraten haben. Den Rückstand bei den Modellen holen wir so schnell nicht auf. Den Rückstand bei der Nutzung schon, und der ist gerade der teurere von beiden.