Auf GitHub entstehen gerade kostenlose Nachbauten von Photoshop, Excel, Word und AutoCAD. Das Projekt heisst ArtCraft, die Programme PhotoCraft, GridCraft, WordCraft und CADCraft. Alle sind Open Source, alle in Rust geschrieben, und in den Commits taucht Claude laufend als Co-Autor auf. Die Repositories sind keine zwei Wochen alt, PhotoCraft hat bereits knapp 50'000 Sterne.
Zwei Wege zur Kopie
ArtCraft hat keine einzige Zeile von Adobe oder Microsoft gelesen. Die Entwickler nennen das «Clean Room»: Excel läuft auf dem Rechner, die KI-Agenten beobachten, was es tut, und bauen das Verhalten nach. Das Office-Paket zu zerlegen ist ihnen ausdrücklich verboten. Das ist legal. Der Europäische Gerichtshof hat 2012 im Fall SAS Institute entschieden, dass weder die Funktionalität eines Programms noch seine Dateiformate urheberrechtlich geschützt sind. Geschützt ist nur der Code.
Der zweite Weg geht direkt ans Programm. Mit Werkzeugen wie REA, «Reverse Engineer Anything», zerlegt die KI eine installierte Anwendung bis auf Binärebene und erklärt, wie eine Funktion darin arbeitet. Rechtlich ist das eng begrenzt, technisch ist es kein Hindernis mehr. Sobald ein Executable auf deinem Rechner liegt, ist es im Prinzip lesbar. Ich habe das im Artikel über Sicherheit durch Verschleierung bereits angedeutet und selbst ausprobiert.
Was das für Microsoft und Adobe bedeutet: weniger als man denkt
Word und Excel sind längst Beiprodukte des Microsoft-365-Abos. Eine kostenlose Alternative gibt es mit LibreOffice nicht erst seit gestern. Warum hat die grosse Migration trotzdem nie stattgefunden?
Weil überall Microsoft Office unterstützt wird und alles andere funktionieren kann, aber nicht muss. Ich habe das selbst erlebt. Eine Plattform, an der ich mitentwickle, erzeugt PowerPoint-Dateien. Ein Kunde beschwerte sich, dass er sie nicht öffnen konnte. Bis wir herausgefunden haben, dass er LibreOffice einsetzt, und ihm erklärt haben, dass wir das nicht unterstützen.
Was gibt es Schlimmeres im Büroalltag, als zu seinem Kunden zurückzugehen und zuzugeben, dass man die Datei nicht aufbekommt, weil man die paar Taler für das Office-Paket nicht in die Hand nehmen wollte? Das ist einfach nur peinlich.
Bei Photoshop sieht es ähnlich aus. Mit GIMP gibt es seit Langem eine Alternative, aber wer mit PSD-Dateien arbeitet, hat dasselbe Problem. Auch PhotoCraft gibt offen an, dass 307 von 309 PSD-Testdateien nach dem Speichern noch gleich aussehen. Für eine frühe Alpha ist das stark. Im Kundenkontakt reicht eine einzige Datei, die nicht aufgeht.
Im beruflichen Umfeld, wo die Bezahllizenzen leben, sind die Nachbauten deshalb vorerst keine Option. Dazu kommt der Support, den du anrufen kannst, wenn etwas klemmt. Genau dort liegt der Mehrwert, für den Firmen zahlen.
Im privaten und semiprofessionellen Bereich erwarte ich dagegen massive Verschiebungen, ebenso bei kleinen Handwerksbetrieben. Wer ein paar Rechnungen im Monat schreibt und sie als PDF verschickt, dem ist egal, ob die DOCX-Datei zu hundert Prozent konform ist, solange das PDF gut aussieht.
Es wird sich also etwas verschieben, aber nicht so brachial, wie es der SaaS Capital Index nahelegt. Der Bewertungsmultiplikator von 63 börsenkotierten B2B-Softwarefirmen ist deutlich gefallen und zieht bereits wieder an: Ende September lag er bei 4.2. Die Übertreibung wird schon korrigiert.
Dein Schutz ist nicht mehr der Code
Wenn der Code nichts mehr schützt, schützt nur noch das Patent. Das Urheberrecht verhindert, dass jemand deinen Code kopiert. Es verhindert nicht, dass eine KI dein Produkt beobachtet und nachbaut. Ein Patent dagegen schützt die Erfindung selbst, unabhängig davon, wie sie programmiert ist. In Europa gilt das für Software allerdings nur, wenn sie einen technischen Effekt hat. Programme «als solche» sind nach dem Europäischen Patentübereinkommen ausgeschlossen.
Aus den USA liest man ständig von Patentstreiten. 2025 wurden dort rund 4'500 Patentklagen eingereicht, mehr als die Hälfte davon von Firmen, die selbst nichts herstellen und nur Patente verwerten. Bei uns hört man davon kaum etwas. Das heisst aber nicht, dass hier niemand anmeldet: Die Schweiz hat 2025 beim Europäischen Patentamt 9'914 Patente angemeldet, das sind 1'096 pro Million Einwohner. Kein anderes Land in Europa kommt abgesehen von Liechtenstein auch nur in die Nähe, Deutschland liegt bei 293.
Neu ist, wie viel die KI bei der Anmeldung übernimmt. Ich verfolge gerade aus der Nähe eine Anmeldung, bei der der Patentanwalt am Ende selbst gesagt hat, dass ihn die Anmeldung kaum noch braucht, so gut hatte die KI die Unterlagen vorbereitet. Wer in der Schweiz oder einem anderen Mitgliedsstaat sitzt, muss sich beim Europäischen Patentamt ohnehin nicht vertreten lassen.
Wenn du ein Softwareprodukt hast und einen Sparringspartner suchst, um dein Nachbaupotenzial und deine Schutzmöglichkeiten zu bewerten, buch unten einen Termin, dann schauen wir uns das gemeinsam an.